Aus Kapitel 3: Das Raumbewußtsein in der Naturwissenschaft
Gelehrt wird,
was die Alten gesagt und aufgeschrieben haben,
und nur das wird
für ein zu bestehendes Examen anerkannt.
Wer von den Jungen davon abweicht, ist
ein Versager oder ein Ketzer. Der letztere läuft Gefahr verfolgt zu
werden und vielleicht sogar auf dem Scheiterhaufen zu landen, wie die
Probleme um Kopernikus, Bruno oder Galilei zeigen, mit denen in der
Renaissance das selbständige Denken wieder in Bewegung kam.
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Das neue Denken der Renaissance ist von
anderer Art als das alte. War in der Antike eine ganzheitliche
Weltanschauung vorherrschend, in der das Geistige (Logos)
seinen festen Platz hatte, so wendet man sich nun dem Diesseits zu,
in dem die Materie regiert. Damit entwickelt sich ganz
folgerichtig das mechanistische Denken in Teilen, der
Reduktionismus: Materie ist teilbar, der Geist nicht.
Eine Wiedergeburt der Antike, als die
man die Renaissance eigentlich verstehen wollte, hat sich also in der
geistigen Entwicklung einer aufkommenden Naturwissenschaft, auf die
wir uns hier konzentrieren wollen, nicht ereignet, wenn auch
diese Bezeichnung allgemein für die Entstehung eines neuen, der Welt
zugewandten Lebensgefühls, wie es sich etwa in der Kunst ausdrückte,
zutreffend sein mag. Wir müssen vielmehr diese Weltzugewandtheit
hier mit dem Interesse an der Materie gleichsetzen: Woraus besteht
sie, woraus bestehen ihre Teile, wie wirken sie
zusammen; nicht mehr: was hält sie zusammen?
Diese fortschreitende Reduktion der
Materie, also Fokussierung auf die Teile und deren Teile usw., können
wir als einen Differenzierungsprozeß betrachten, wie er
eigentlich aller Evolution zugrunde liegt, im Großen bei der
phylogenetischen Entwicklung ganzer Arten, im Kleinen bei der
ontogenetischen Entwicklung eines jeden einzelnen neuen Lebewesens.
Es ist, wie man es am deutlichsten bei der Ontogenese sieht, ein
Prozeß fortgesetzter räumlicher Teilung, ein Weg von der
Einheit (der befruchteten Eizelle) in die Vielheit (vgl. hierzu auch
die in 2.3 erwähnte Bibelanalyse von Weinreb). Dies ist also im
Grunde ein ganz natürlicher Prozeß, er hat nur, was die geistige
Entwicklung betrifft, in Europa in viel größerem Ausmaß
stattgefunden als etwa in Asien.
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Wir kommen damit zu dem am Anfang
dieses Kapitels erwähnten „roten Faden“: die
Konkre-tisierung der Vorstellung vom Raum als Kriterium der
naturwissenschaftlichen Entwicklung. Auf der materiellen Ebene
bedeutet Differenzierung ein räumliches Auseinanderdriften
verschiedener funktionaler Bereiche: Eine Muskelzelle hat eine andere
Funktion als eine Knochenzelle, ein Wolf eine andere als ein Lamm.
Damit aber dieses räumlich-funktionale
Driften, oder besser gesagt seine Ergebnisse, die verschiedenen Dinge
der Welt, erkannt und verstanden werden können, muß sich auch ein
dazu paralleles Wahrnehmungsvermögen entwickeln. Hier kommen
wir wieder auf das in Kapitel 2.3 ausführlich erläuterte
Äqualitätsprinzip zurück. Es geht im Folgenden nicht um die
Frage der Realität der wahrgenommenen Dinge selbst (dazu gibt es
verschiedene Ansichten), sondern um die Frage der geistigen
Erkenntnis als solcher, und damit um die Entwicklung der
menschlichen Wahrnehmung als Voraussetzung unserer
Naturwissenschaft.
Zunächst eine grundsätzliche
Feststellung zum Prinzip der Wahrnehmung: Wahrnehmen kann ich
etwas nur, wenn mir als Subjekt (wahrnehmendes, denkendes
Wesen) das Wahrzuneh-mende als von mir räumlich getrenntes
Objekt gegenübersteht (wie es das Wort „Objekt“
ausdrückt) bzw. von mir als solches gedacht (vorgestellt)
wird. Das letztere ist wohl richtiger, denn das dem Erkennen zugrunde
liegende Prinzip ist, wie es Immanuel Kant (1724 – 1804)
ausdrückte, im Erkennenden selbst zu suchen, dieser differenziert
denkend seine Umgebung nach Objekten. Der englische Bischof
George Berkeley (1685 -1753) hat diese Idee schon vorher noch
radikaler ausgedrückt mit seinem bekannten Satz „esse est
percipi“ (wörtlich: das Sein ist Wahrgenommenwerden) und damit
dieses Problem in seinem tiefsten Urgrund angesprochen und seine
Lösung ausgesprochen.
Dinge, die ich nicht als von mir
getrennt, also von außen erkenne, erkenne ich überhaupt
nicht. Das Erkennen der Dinge im Raum in unserem heutigen
wissenschaftlichen Sinne setzt also eine Spaltung zwischen Subjekt
und Objekt in unserem Bewußtsein voraus. Diese
Subjekt-Objekt-Spaltung war keineswegs schon immer im heutigen
Ausmaß vorhanden, sie ist ein Ergebnis der menschlichen Evolution.
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Bei der Darstellung des kybernetischen
Prinzips der Ganzheit in Kapitel 8 werden wir ein tieferes
Verständnis dieser Subjekt-Objekt-Spaltung und ihrer Verschärfung
im Laufe der Geschichte gewinnen, sowie auch die tiefe Bedeutung der
oben zitierten Aussage von Berkeley erkennen. Es ist eine
Verschärfung im Sinne einer Einengung der Perspektive wie
etwa beim Scharfeinstellen eines Fotoapparates, die, wie wir gleich
sehen werden, bis in die neueste Zeit andauert: Man sieht immer mehr
von immer weniger, man sieht schließlich vor lauter Bäumen den Wald
nicht mehr...
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Zu unserem Thema Differenzierung,
ausgeprägt in Subjekt-Objekt-Spaltung und Emanzipa-tion
des Individuums, gehört noch ein zweites Phänomen, das ganz
offensichtlich ebenfalls mit der Evolution des menschlichen Geistes
zu tun hat: die Entwicklung der darstellenden Kunst. In der
von Jaspers als „Achsenzeit“ hervorgehobenen ersten großen
Entwicklungsstufe des menschlichen Geistes ca. 500 v. Chr. sind vor
allem Denker und Dichter namentlich hervorgetreten, die
Persönlichkeiten der bildenden Kunst blieben noch weitgehend im
dunkeln, obwohl uns natürlich viele Kunstwerke aus jener Zeit
bekannt sind. Wir haben aber danach einen zweiten großen
Entwicklungsschub erlebt, den man in Anlehnung an Jaspers als eine
zweite Achsenzeit bezeichnen könnte: die Renaissance
um die Mitte des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung. Ab dieser
Zeit sind uns auch die Persönlichkeiten in Architektur, Plastik,
Malerei und Musik namentlich bekannt. Und natürlich müssen
wir einen ganz besonders großen Sprung in der Entwicklung der
Wissenschaft feststellen, hier zunächst nur der Hinweis auf Galilei
und Kopernikus, auf die ich gleich zurückkommen werde. Wieder hat
ein großer Sprung in der Emanzipation des Individuums stattgefunden,
der auch ganz folgerichtig mit der Präzisierung des Raum-Begriffes
zusammenhängt.
Dazu drängt sich vielleicht eine Frage
auf: Was hat das für unseren geistesgeschichtlichen Überblick zu
bedeuten? Was hat Kunst mit Wissenschaft zu tun?
Hier kann man nun tatsächlich die zentrale Bedeutung des Raum-Begriffes für die evolutionäre Entwicklung im geistigen Bereich erkennen: Jenen zwei Achsenzeiten – wenn ich sie so nennen darf – liegt der gleiche Differenzierungsprozeß zugrunde, sie fallen ganz präzise mit den Zeiten zusammen, in denen nicht nur Philosophie und Wissenschaft ihre beiden großen Entwicklungsschübe erlebten, sondern auch die darstellende Kunst in die Geheimnisse des Raumes eindrang, und zwar hinsichtlich der Darstellung des Raumes. Dieser Hinweis auf die Darstellung des Raumes ist wichtig, denn auch die Wissenschaft – hier betrachten wir ja die Naturwissenschaft – ist nicht die Natur selbst, sondern nur eine Darstellung der Natur. Diese Unterscheidung ist heute leider vielfach vergessen, man denke etwa an die moderne Vorstellung von Naturgesetzen, die mit der Natur selbst sehr wenig zu tun haben, weshalb ihre Anwendung auf die Natur heute so große Umweltprobleme aufwirft.
